Das Antoniusheim im Dritten Reich

Es gibt heute wohl niemand, der nicht mit Abscheu und Schrecken an den unfassbaren Terror des Dritten Reiches zurückdenkt. Es ging um den totalen Staat, der alles beherrschen wollte, auch die Kirche. Um dies zu erreichen, war ihm jedes Mittel recht. Bereits 1934 begannen die hinreichend bekannten Sittlichkeits- und Devisenschieberprozesse. Klöster und kirchliche Einrichtungen wurden aufgelöst, doch es mutete wie ein Wunder an: das Antoniusheim blieb zunächst noch verschont. Aber im Dezember 1938 war auch diese Ruhe zu Ende. Die Gestapo erschien und tat das ihre. Der Vorsitzende, Geistl. Rat Pfarrer Pabst und ein geschäftsführendes Mitglied des Vereins, Direktor Peitz, wurden verhaftet und stundenlang verhört. Wenige Tage danach übergab man dem Vorsitzenden eine Einladung des zu seinem Nachfolger bestimmten Parteigenossen zu der am gleichen Tag im Gebäude der Kreisleitung der NSDAP stattfindenden Mitgliederversammlung. Pfarrer Pabst wurde kurzerhand abgesetzt und ein neuer Vorstand durch die Partei bestimmt. Aller Widerstand war vergebens, den bisherigen Mitgliedern wurde einfach die »nationale Zuverlässigkeit« abgesprochen.

Der Kreisleitung der NSDAP war es wieder einmal gelungen, durch Drohung und Gewalt ihr Ziel zu erreichen. Was dann kam, lief mit der Präzision einer Uhr ab: Die Schwestern wurden vertrieben, die Kinder in verschiedenen Anstalten untergebracht, das Personal wurde entlassen, die Landwirtschaft wurde aufgegeben, das Vieh geschlachtet und das gesamte Inventar verkauft. Die Schande, die man dem Antoniusheim zugefügt hatte, erfuhr ihre Vollendung, als man das ganze Anwesen an das SS-Rassehauptamt in München verschacherte und 1941 der »Lebensborn e.v.« als Eigentümer ins Grundbuch eingetragen wurde. Bald wurden neue Häuser gebaut, die Wasserversorgung verbessert und viel Geld investiert. Bis 1944 dauerte die dann folgende Bauperiode. Schließlich wurden die Gebäude bezogen und als Entbindungsheim für solche Mädchen genutzt, die bereit waren, »ihrem Führer ein Kind zu schenken«. Ein dichter Schleier wurde durch die SS um den ganzen Komplex gelegt. Es wurde ein eigenes Standesamt eingerichtet und niemand wusste, wer die Eltern der dort geborenen Kinder waren.

Die Kinder hatten keine Namen, sie trugen nur eine Nummer. Ihr leben sollte allein der Aufzucht der Arischen Rasse dienen.
Als sich bei Kriegsende die amerikanischen Truppen der Stadt näherten, ergriff die SS die Flucht. Von den Kindern und ihren Müttern hat man nichts mehr gehört. Damit war hier der
Spuk des Dritten Reichs zu Ende.

Aus dem Chaos entsteht neues Leben
Auch das Antoniusheim blieb von dem Chaos, das die Machthaber des Dritten Reiches hinterließen, nicht verschont. Geistl. Rat Pabst und Direktor Peitz standen vor fast unüberwindlichen Aufgaben. Die Nutzung der Gebäude hatte die Stadt Wiesbaden übernommen, indem sie von der Annahme ausging, dass sie hierzu berechtigt sei. Alle Versuche, die Stadt von ihrer irrigen Meinung zu überzeugen, waren zunächst vergebens.

Immer wieder musste Geistl. Rat Pabst auf Rückgabe der Gebäude, in denen die Stadt bereits die Frauenklinik eingerichtet hatte, auf die Wiedereinrichtung des Kinderheims drängen. Denn bereits in den ersten Monaten nach dem Zusammenbruch gingen zahlreiche Anträge des Caritasverbandes ein, in denen Heimplätze für Kinder gefordert wurden, deren Eltern durch den Krieg und durch die Vertreibung nicht mehr am Leben oder nicht mehr erreichbar waren.

Gerne und mit großer Hochachtung erinnern wir uns der Männer und Frauen, die sofort ehrenamtlich und mit ganzem Herzen zur Verfügung standen. Wir denken auch daran, dass das Mutterhaus der Erlenbader Franziskanerinnen sofort bereit war, Schwestern für die Betreuung der Kinder zur Verfügung zu stellen. Es waren die gleichen Schwestern, die die SS im Jahre 1938 aus dem Kinderheim vertrieben hatte.

Nach langen Bemühungen zog endlich die Frauenklinik aus einem von der SS gebauten und in Anspruch genommenen Gebäude aus. Am 7.1.1946 kamen die ersten Schwestern zurück und begannen mit der Einrichtung des Hauses. Da das Gebäude aber zur Unterbringung der Kinder völlig ungeeignet war, nahmen die Schwestern ersatzweise am 1.3. 1946 einige alte Leute auf und eröffneten damit das Altenheim. Unüberwindlich waren die Schwierigkeiten in der Beschaffung von Möbeln, Geschirr und Bekleidung. Ernst Schnydrig erzählt es in köstlicher Form in seinem Buch »Schwestern in Schwarz und Weiß« (Verlag Josef Knecht, Ffm.). In der Chronik liegt noch ein Antrag vom 6.9.1946 auf Ausstellung eines Bezugsscheines für »einen Ofen und 10 kg Ofenrohr«. Dieser Ofen wurde seinerzeit zur Beheizung des Gemeinschaftsraums gebraucht.

In der Zeit, in der nun die Schwestern das Altenheim aufbauten, wurde auch mit dem Wiederaufbau der Landwirtschaft begonnen. Durch den Anbau von Kartoffeln, Getreide, Gemüse und der Viehhaltung sollte die Versorgung des Antoniusheims mit Lebensmitteln erleichtert werden.

Nachdem die Frauenklinik ein weiteres Gebäude, nämlich das einstige Caffee geräumt hatte - es stand an der Stelle des Altenwohnheims - wurde endlich das Kinderheim mit der Heimschule eröffnet. Es war ein mutiger Entschluss. Der Heimkostensatz, mit dem neben der Verpflegung alle anderen Aufwendungen abzudecken waren, betrug 2,50 DM täglich. Damit begann mühsam, aber zielbewusst, neues Leben im Antoniusheim. Vorstand und Kuratorium, vor allem aber die Schwestern, taten alles Menschenmögliche, um dem Willen der Stifter gerecht zu werden, wovon die Kinder und die Bewohner des Altenheims profitierten.