Vor neuen Aufgaben

Es muss ein feierlicher Augenblick gewesen sein, als am 26.1.1949 der Vertrag zwischen dem Hessischen Finanzminister und dem Antoniusheim über die Rückgabe des im Jahre
1939 enteigneten Grundstücks- und Gebäudekomplexes abgeschlossen wurde. Damit wurde nicht nur die Schmach getilgt, die der Vorsitzende des Vereins, Geistl. Rat Pabst, und das geschäftsführende Vorstandsmitglied, Direktor Peitz, durch die Gestapo erlitten hatten, sondern es wurde auch die Handlungsfähigkeit des Antoniusheim e.V. wieder hergestellt. Erst jetzt konnte das achtköpfige Kuratorium an einen planmäßigen Wiederaufbau denken. Zunächst ging es dabei um die Erweiterung der Landwirtschaft. Es wurden Äcker und Wiesen gepachtet, landwirtschaftliche Maschinen angeschafft und eine neue Scheune gebaut. Damit waren die Voraussetzungen für die Versorgung mit Lebensmitteln geschaffen.


Aus den Erinnerungen des damaligen Hausgeistlichen und Religionslehrers Pfarrer Josef Feifel, der die 60 Buben an der staatlich anerkannten Heimschule unterrichtete, wissen wir, wie schwer es seinerzeit war, für die Kinder zu sorgen und ihnen das tägliche Brot zu beschaffen. Es waren alles Buben im Alter von 6-14 Jahren, Kinder aus zerbrochenen Ehen und asozialen Verhältnissen, Kinder auf der Schattenseite des Lebens. Aber stolz sagte Pfarrer Feifel: Stramm war die Disziplin, groß die Mühe und der Fleiß, so dass mancher zur Mittelschule gefördert werden konnte; abwechslungsreich war die Erholung und interessant waren die Fahrten mit den »Ami Bussen«.


»Wohl haben wir im Altenheim noch 1952 arm und einfach gelebt«, schreibt Pfarrer Feifel in seinen Erinnerungen, »wir haben mit den Schwestern und Buben Holz gesammelt, um den Küchenherd anzuheizen. Wir haben von den Ami-Küchen quadratmeterweise Kuchen abgeholt, der sonst in den Abfalleimern gelandet wäre, und die Kuchen haben unseren Buben großartig geschmeckt. Für jede Gabe und Spende waren wir dankbar.«

 

Nun wurde auch der innere Aufbau in Angriff genommen, wobei das Kinderheim im Vordergrund stand. Aber auch das Altenheim, in dessen Untergeschoss die Küche untergebracht war, wurde baulich verbessert. Vieles blieb noch ungelöst. 1956 starb das geschäftsführende Vorstandsmitglied, Direktor Peitz, und ein Jahr später der 1. Vorsitzende, Geistl. Rat Hugo Pabst. An seine Stelle trat Pfarrer Alfons Jung, er übernahm am 28.1.1958 den Vorsitz des Vereins. Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit wurde er mit neuen Überlegungen über die Entwicklung des Heims und die Beseitigung der sowohl im Altenheim als auch im Kinderheim unzulänglichen Zuständen konfrontiert.


Das Bischöfliche Ordinariat legte 3 Varianten vor, über die hart gerungen wurde. Schließlich entschied sich das Kuratorium, Altenheim und Kinderheim zu behalten, aber für beides neue
Gebäude zu errichten. Lange wusste man nicht, welchem Gebäude der Vorrang galt, denn die Frage der Finanzierung stand wohl an erster Stelle.

Anfang 1964 beauftragte dann das Kuratorium den Architekten, Dipl.-Ing. Hans Busch, Ffm.-Sossenheim, mit der Gesamtplanung. Nach langer Abwägung wurde unter Beteiligung des Bischöflichen Ordinariats Limburg der Beschluss gefasst, zunächst das Kinderheim und später das Altenwohnheim und das Altenheim neu zu errichten.

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Beim Kinderheim einigte man sich auf die Familien-Gruppenarbeit. Je 15 Kinder sollten unter einer Gruppenleiterin eine Familie bilden, die aus Kindern von den ersten Lebensjahren bis zur Schulentlassung bestehen sollte. Vier Pavillons wurden gebaut mit je 5 Schlafzimmern, einem Tages-und Eßraum, einem Werkraum, Küche, Krankenzimmer, 3 Appartements für das Erziehungspersonal, einem Kellerraum und den notwendigen Bädern, Duschen und Toiletten. Diese Räume gruppieren sich um ein verglastes Atrium und bilden so eine geschlossene Familienwohneinheit. Fast vier Jahre dauerte es, bis man am 19. 10.1968 die Einweihung feiern konnte. Das Kinderheim gilt heute noch, 20 Jahre nach der Einweihung, als modern und für die Zukunft geplant. In dem Gemeinschaftsbau, der die Anlage nach Norden hin abschließt, sind eine Mehrzweckhalle mit Bühne, ein Werkraum und ein Klassenraum mit den notwendigen Nebenräumen untergebracht.


Trotz großen Schwesternmangels erklärten sich die Erlenbader Franziskanerinnen bereit, die Leitung des Kinderheims weiterhin zu übernehmen.
Heimleiterin wurde Sr. Karola Drechsler. Eine gute Ausbildung und reiche Erfahrung befähigten sie, den Kindern eine Lebensauffassung zu vermitteln, die sie zur Selbständigkeit führen sollte.


Mehrere Ordensschwestern, über ein Dutzend Erzieherinnen, Pflegerinnen und Praktikantinnen sowie das notwendige Hilfspersonal standen Schwester Karola zur Seite. Doch nach und
nach wurde eine Ordensschwester nach der anderen vom Mutterhaus wegen Krankheit wieder abgezogen und zurückgerufen. Schließlich stand Schwester Karola in der Führung
des Heims allein da. Als auch sie krank wurde, mußte sie am 30.6.1975 ins Mutterhaus zurückkehren.